21. April 2006 Ausgabe 16/2006 zurück blättern | Kurzüberblick | Inhalt | weiter blättern
Film

François Ozon »Die Zeit, die bleibt«

Film über das Leben im Angesicht des Todes

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Titel Die Zeit die bleibt
Regie François Ozon
Drehbuch François Ozon
Darsteller Jeanne Moreau, Melvil Poupaud, Valeria Bruni Tedeschi, Marie Rivière, Daniel Duval
Land Frankreich
Verleih Prokino
FSK ab 16 Jahren
Länge 86 Minuten
Filmstart 20. April 2006

Inhalt

Den Tod vor Augen

Mit Anfang Dreißig erhält der erfolgreiche Modefotograf Romain eine tödliche Diagnose: Krebs - er hat nur noch wenige Monate zu leben. Romain reagiert mit Rückzug und Kälte auf die Nachricht: Seinen Liebhaber wirft er raus, mit seiner Familie überwirft er sich und flüchtet in die Einsamkeit. Einzig seiner Großmutter kann er sich offenbaren - da sie beide dem Tod auf ihre Weise nah sind, erhält ihre Beziehung eine völlig neue Intensität. Schließlich trifft Romain eine Frau, die ihn bittet, sie mit Einverständnis ihres unfruchtbaren Mannes zu schwängern. Romain nimmt an und beginnt, sich seinem Schicksal zu stellen.

Besonderheit

"Trilogie der Trauer"

»Die Zeit, die bleibt« ist der zweite Teil von François Ozons filmischer »Trilogie der Trauer«. In »Unter dem Sand« (2000), dem ersten Teil der Reihe, kehrt ein Mann nach einem Schwimmausflug im Meer nicht zurück. Seine Frau will sich nicht mit seinem Tod abfinden und fantasiert fortan, er wäre noch am Leben. Der letzte Teil der Trilogie soll ein Tabuthema behandeln, den Tod eines Kindes. Doch im Interview mit der FR schränkt Ozon ein: »Im Moment fühle ich mich nicht in der Lage, diesen Stoff zu bearbeiten. Ich weiß noch nicht, wie ich diese Geschichte erzählen soll. Vielleicht irgendwann.«

Kritikenspiegel

Mäßig

Die Kritiker geben sich überraschend wortkarg in der Bewertung von François Ozons neuem Film. Außer zwei deutlich kritischen Besprechungen verlegen sie sich zumeist auf eine wenig leidenschaftliche inhaltliche Wiedergabe. Fritz Göttler (SZ) hat einen »Film der Einsamkeit« gesehen. Diese macht er als entscheidendes Moment für Romains Verhalten aus: »Immer wieder muss er sich flüchten, in die Arroganz, in die Aggression«. Doch erkennt der Kritiker darin noch mehr: »Am Ende ... taucht unter der Geschichte vom jungen Mann und dem Tod eine ganz andere Sache auf, eine ganz andere Einsamkeit - die des Homosexuellen in unserer Gesellschaft, des Manns ohne Familie«. Auch Michael Althen (FAZ) hält sich mit einer eindeutigen Wertung zurück, ist jedoch begeistert von Jeanne Moreau in der Rolle der Großmutter, »einer majestätischen Erscheinung«. Die Sequenz mit ihr sei »das Herzstück des Films, gegen das der Rest ziemlich ins Ungleichgewicht« gerate, bestehend aus »großartig knapp skizzierten Szenen, die eine ganze Beziehung erzählen und Raum lassen für die Trauer und alles, was der Film und sein Held in sich verschlossen tragen«. Ein ganz anderes Herzstück hat Diedrich Diederichsen (taz) ausgemacht: »Diese überdeterminierte Dreier-Szene«, in der Romain gleichzeitig mit einer Frau und ihrem unfruchtbaren Ehemann schläft, und die »wider alle Erwartungen« gelinge. Ansonsten sei der Film jedoch »schwerer ideologischer Kitsch«. Nur der Sex rette ihn »hübscherweise« vor »dem Absturz ins Bodenlose«. In die gleiche Richtung geht Hanns-Georg Rodeks Eindruck (Die Welt), der einen »unentschlossen Film« gesehen hat. Ihn störte besonders das »versöhnlerische« Ende, das einen unwillkürlich an Oskar Roehlers »weichgespülte 'Elementarteilchen'« erinnere.

Biografisches

François Ozon

*15.11.1967 in Paris, gehört zu den meistbeachteten Regisseuren Frankreichs und ist für seinen Stilwillen und seine originellen erzählerischen Mittel bekannt. Nach einem Regiestudium an der renommierten französischen Filmhochschule La Fémis produzierte Ozon zahlreiche Kurzfilme, bevor er mit »Sitcom« (1998) seinen ersten Spielfilm ablieferte. Intime Charkterstudien mit nur wenigen Personen wie die Tragödie »Unter dem Sand« (2000), bilden die eher psychologisch-tragische Seite seines filmischen Schaffens ab. Hierzu gehören unter anderem der Erotikthriller »Swimming Pool« (2003) und »5x2« (2004), die in Episoden rückwärts erzählte Geschichte eines sich entfremdenden Liebespaars. Daneben versteht sich Ozon jedoch ebenso auf eher schrille und komödienhafte Filme wie »Sitcom« oder »8 Frauen« (2002), ein Musical-Krimi, das seinen bisher größten Erfolg darstellt.

Ähnliche Werke

Die Frage, wie Todgeweihte die ihnen verbleibende Zeit nutzen, ist im Kino schon oft und differenziert behandelt worden. 1950 inszenierte Henry Cass die Komödie »Ferien wie noch nie«, in der sich die tödliche Krankheit als Fehldiagnose herausstellt. Das Drama »Philadelphia« (1993), für das Tom Hanks den Oscar für die beste Hauptrolle erhielt, beschäftigt sich mit dem Innenleben eines Aidskranken und den aus der Krankheit resultierenden Konflikten. Patrice Chéreau konzentriert sich in »Sein Bruder« (2003) auf den körperlichen Verfall eines Todkranken. Und Isabel Coixet erzählt in »Mein Leben ohne mich« (2003) vom Versuch einer jungen Krebspatientin, das Leben ihres Kindes für die Zeit nach ihrem Tod zu planen.

rg