22. September 2006 Ausgabe 38/2006 zurück blättern | Kurzüberblick | Inhalt | weiter blättern
Oper

Stefan Heucke »Das Frauenorchester von Auschwitz«

Misslungene Uraufführung in Mönchengladbach

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  Matthias Stutte  
© Matthias Stutte

 

Theater Mönchengladbach

Odenkirchener Str. 78
D-41236 Mönchengladbach

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Titel Das Frauenorchester von Auschwitz
Komponist Stefan Heucke
Libretto Clemens Heucke
Musikalische Leitung Graham Jackson
Inszenierung Jens Pesel
Bühnenbild Friederike Singer
Kostüm Friederike Singer
Besetzung Anne Gjevang, Kirstin Hasselmann, Kerstin Brix, Christoph Erpenbeck
Termine 24./30. September, 04./07. Oktober 2006

Inhalt

Musik am Rande des Todes

Stefan Heuckes abendfüllende Oper »Das Frauenorchester von Auschwitz« ist ein Auftragswerk der Städtischen Bühnen Krefeld/Mönchengladbach. Das Libretto beruht auf der autobiografischen Erzählung der jüdischen Sängerin Fania Fénelon. Sie war Mitglied eines aus Gefangenen bestehenden Musikensembles, das zur Unterhaltung der Lagerleitung im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau regelmäßig aufzutreten hatte. Den Gefühlen und dem Verhalten von Menschen, die gezwungen wurden, im Angesicht des Todes zu musizieren, geht der Komponist nach.

Besonderheit

Historischer Hintergrund

Von 1943 bis Ende 1944 gab es im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ein Frauenorchester, das von der Nichte Gustav Mahlers, der zu ihrer Zeit berühmten Geigerin Alma Rosé, geleitet wurde. Um die geforderten Leistungen zu bringen, mussten die Frauen an sechs Tagen in der Woche mindestens acht Stunden täglich üben. Die SS kommandierte sie jedoch nicht nur zum Märschespielen bei Gefangenentransporten und zum Spielen bei der Ankunft von Deportationszügen. Tag und Nacht mussten sie bereit sein, Konzerte und Privatvorstellungen für ihre Peiniger zu geben.

Kritikenspiegel

Warum als Oper?

Ein regelrechtes Fiasko attestiert das Feuilleton Stefan Heucke und dem Theater Mönchengladbach nicht nur in Bezug auf die Umsetzung ihres Vorhabens. Guido Fischer (FR) spricht von einem »Scheitern« Heuckes - nicht zuletzt auch auf musikalischer Ebene: »Das Orchester wird bei ihm zu einem dauerbrennenden Apparat, zu einem sich zwischen greller Emphase und verstörendem Melos bewegenden Stimmungsbarometer von Leid … Unaufhörlich wird auf das Publikum eingehämmert.« Das Ergebnis ist ein »aufschreckender Appell-Charakter«, der auch die insgesamt dürftige Inszenierung durchzieht: »Die Perfidie vom Missbrauch der Musik bekommt zwar entsprechende Bilder. Das wirkliche Leben im Konzentrationslager Auschwitz aber lässt sich im Nachhinein auch über die ernsthafteste Ausstattung nie simulieren.« Genau dieser Gedanke hat Gerhard Rohde (FAZ) von Beginn an skeptisch« gemacht, zumal Komponist und Librettist beim Verfassen ihres Projekts nicht bereit waren, auf Wünsche und Einwände der Überlebenden einzugehen. Stattdessen habe man mit »enormem Aufwand« eine Art »Dokumentarfilm« kreiert, »der sich versehentlich auf die Opernbühne verirrt hat.« Tatsächlich hat sich Heucke laut Michael Struck-Schloen (SZ) die Finger an einem Thema verbrannt, das seine »musikalischen und dramaturgischen Fähigkeiten« ebenso übersteige »wie die Zuständigkeit des Musiktheaters.« Auschwitz werde zu einer »Betroffenheits-Soap banalisiert«, der historische Inhalt gerinnt »zur Katastrophen-Schmiere auf Volkshochschul-Niveau«. Auch Frieder Reininghaus (taz) zeigt sich wenig überzeugt: »nach der Erfüllung der Kinos und großen Theater ... ist der Wille zur musiktheatralen Nutzung der Nazi-Verbrechen an der Peripherie des deutschen Musiktheaters angekommen.« Gleichwohl ließe sich fragen: »was hat das auf dem Theater zu suchen?«

Biografisches

Stefan Heucke

*1959 in Gaildorf, ist ein deutscher Komponist. Als Kind erhielt er zunächst Blockflöten- und Violinunterricht. 1973 begann er mit dem Klavierstudium, das er ab 1978 in Stuttgart fortsetzte. Es folgten die ersten Kompositionen und ab 1982 ein Musikstudium in Dortmund. 1985 war er Preisträger beim »Forum junger deutscher Komponisten für Orchestermusik«, 1990 gewann er den Förderpreis der Stadt Dortmund für junge Künstler. 1996 erhielt Heucke ein dreijähriges Stipendium, das ihm erlaubte, das Tanzoratorium »Die Ordnung der Erde« in finanzieller Unabhängigkeit zu komponieren. 2001 wurde es in Gelsenkirchen uraufgeführt. Von 1989 bis 2002 war er Lehrbeauftragter für Musiktheorie in Dortmund, von 2005 bis 2006 Composer in Residence an der Universität Witten-Herdecke.

Ähnliche Werke

Stefan Heuckes Oper basiert auf dem 1980 in Deutschland erschienenen Roman »Das Mädchenorchester von Auschwitz« der Sängerin Fania Fénelon. Aufgrund eines hohen Maßes an Subjektivität und mittlerweile nachgewiesener historischer Fehler ist dieses Buch zuletzt stark in die Kritik geraten - ein Grund dafür, dass einige der Überlebenden aus dem Orchester grundsätzliche Zweifel auch an der Oper anmeldeten. Ein genaueres Bild über die Verhältnisse innerhalb des Orchesters liefern die Erinnerungen der Cellistin Anita Lasker-Wallfisch »Ihr sollt die Wahrheit erben« (1997)oder die Studie von Richard Newman über das Leben Alma Rosés (2002). Eine genaue wissenschaftliche Einordnung der Ereignisse in Auschwitz liefert Gabriele Knapp in ihrer auf Interviews mit Überlebenden basierenden Untersuchung »Das Frauenorchester von Auschwitz - Musikalische Zwangsarbeit und ihre Bewältigung« (1996).

sr