11. August 2006 Ausgabe 32/2006 zurück blättern | Kurzüberblick | Inhalt | weiter blättern
Kunst & Ausstellung

»Canossa 1077 - Erschütterung der Welt«

Der »Gang nach Canossa« und die Kunst der Frühromanik in Paderborn

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Ausstellungsbüro Canossa 2006

Marienplatz 2a
D-33098 Paderborn

Telefon
+49(0)5251-88-29 88

Info

Titel Canossa 1077 - Erschütterung der Welt
Kuratoren Prof. Dr. Wulf Arlt, Prof. Carlo Bertelli, Prof. Dr. Victor H. Elbern, Prof. Dr. Anton von Euw u.a.
Läuft noch bis 05. November 2006
Öffnungszeiten Di - So 10-20 Uhr, Mo geschlossen
Preise 9 Euro / ermäßigt 6 Euro
Katalog 2 Bände,777 Abbildungen in Farbe und 85 in schwarz-weiß, Hirmer Verlag
Preis Katalog 75,00 Euro

Inhalt

Zeit des Umbruchs

Jahrhundertealte Handschriften, aus Eisen geschmiedete Herrschersitze, Schätze aus Gold und etwa 700 weitere Originalrelikte aus der Zeit des 11. und 12. Jahrhunderts breiten sich vor dem Besucher in der Großausstellung »Canossa 1077« in Paderborn aus. Der thematische Mittelpunkt der Schau ist der Gang nach Canossa, mit dem König Heinrich IV. bei Papst Gregor VII. die Erlösung vom Kirchenbann zu erreichen versuchte. Vor diesem Hintergrund entsteht das kunst- und kulturhistorische Panorama dieser mittelalterlichen Zeit.

Besonderheit

Drei Schauplätze

Drei Paderborner Museen sind an dieser Ausstellung beteiligt, für die ein Etat von fünf Millionen Euro zur Verfügung stand. Das Konzept von »Canossa 1077« entwickelten sie zusammen, jedes Haus legte aber inhaltlich unterschiedliche Schwerpunkte. Im Museum in der Kaiserpfalz werden der Konflikt Herrscher-Papst und die gesellschaftlichen Umbrüche dargestellt, das Diözesanmuseum zeigt die Kunstwerke der frühen Romanik und in der Städtischen Galerie verfolgt man die Spuren des »Gangs nach Canossa« bis in die heutige Zeit.

Kritikenspiegel

Geschichtsstunde statt Kritik

Die zahlreichen Feuilletonartikel geben dem Leser leider nur wenige Informationen über die Qualität der Ausstellung. Zur Inszenierung der Paderborner Schau und ihrer inhaltlichen Aufbereitung der geschichtlichen Ereignisse äußern sich die Kritiker kaum. Vielmehr wird das geschichtliche Ereignis - der Gang nach Canossa von 1077 - gründlich erklärt und beleuchtet. Einzig Hilal Sezgin (Die Zeit) schreibt ausführlich über die Ausstellung selbst. Sie feiert sie als »imposant« und lobt die »beeindruckenden Schätze«, die in den drei Museen zusammengetragen wurden. »Es kann einem ganz schwindelig werden«, schreibt sie, »wenn einem klar wird, wie viel Gold, wie viel Edelstein und vor allem wie viel unwiederbringliche Handwerkskunst hier aus den Museen nicht nur ganz Deutschlands, sondern auch halb Europas versammelt sind!« Allerdings tue »sich die Ausstellung etwas schwer damit ..., [die] bis heute gültige Bedeutung [des Ganges nach Canossa] zu transportieren.« Die Kuratoren hätten eine große, detailreiche Schau entwickelt, eigentlich wünschenswert, jedoch zuviel des Guten: »Jeden Seitenpfad des Canossa-Themas haben die Ausstellungsmacher gleichsam zur Bundesstraße ausgebaut, andererseits verwirren Zeitsprünge wie die zwischen Karikaturen aus dem Wilhelminischen Kaiserreich, einer Berninischen Bronzestatuette und mittelalterlichen Evangeliaren.« Ähnlich empfindet dies auch Wolf Schön (DLF) und spricht von einer »Mammutausstellung« mit einer »überreich dargebotenen Wissensvermittlung«. Alexander Kissler (SZ) ist zwar begeistert von »zwei wunderbaren Entdeckungen«, dem »Bronzekruzifix von 1060 aus Essen-Werder ...« und einer fast ebenso alten »mittelrheinischen Kreuzabnahme aus Birnbaumholz«; dennoch findet er, dass Zusammenhänge oft »eher angedeutet als erklärt« werden. 

Hintergrund

Im Jahre 1077 fand der Machtkampf zwischen Papst Gregor VII. und König Heinrich IV. seinen Höhepunkt im »Gang nach Canossa«. Ausgangspunkt ihrer Auseinandersetzung war der Investiturstreit, bei dem es um die Frage ging, wer für die Einsetzung der Bischöfe zuständig sei. Papst Gregor wollte die Kirche von weltlicher Macht unabhängiger gestalten und verbot Heinrich, Bischöfe und Päpste zu ernennen. Dieser sah sich in seiner gewohnten Macht eingeengt und forderte Gregor auf, den Papststuhl zu verlassen. Statt sich dem König unterzuordnen, verhängte Papst Gregor den Kirchenbann über Heinrich. Da sich mit diesem auch der größte Teil seiner Gefolgschaft gegen ihn wendete und ihn absetzen wollte, musste Heinrich handeln, um seine Macht nicht vollständig zu verlieren. Er zog vor die Tore des italienischen Canossa, jedoch nicht - wie vielleicht zu erwarten -, um den Papst anzugreifen, sondern um in demütiger Bitte die Aufhebung des Kirchenbanns zu erflehen. Sein Wunsch wurde ihm erfüllt, und Heinrich konnte mit diesem taktischen Bußgang seine Königskrone behalten. Das legendenumrankte Ereignis gilt als erste Abspaltung der Kirche vom Staat.

Ähnliche Werke

Zeitgleich zur Ausstellung erschien von Stefan Weinfurter das Sachbuch »Canossa. Die Entzauberung der Welt« im C.H. Beck Verlag. Der Historiker, der in Heidelberg einen Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte innehat, setzt sich darin mit dem Bußgang Heinrichs IV. auseinander und nimmt eine neue Deutung dieses Themas vor. Ausgehend vom Gang nach Canossa schreibt er kenntnisreich über die Umwälzungen im Zeitalter des Investiturstreits und vom überzeitlichen Konflikt zwischen Kirche und Staat.

cd