2. Juni 2006 Ausgabe 22/2006 zurück blättern | Kurzüberblick | Inhalt | weiter blättern
Oper

Wolfgang Amadeus Mozart »Zaide«

Peter Sellars inszeniert bei den Wiener Festwochen

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Jugendstiltheater

Baumgartner Höhe 1
A-1140 Wien

Titel Zaide (Das Serail)
Komponist Wolfgang Amadeus Mozart
Musikalische Leitung Louis Langrée
Inszenierung Peter Sellars
Bühnenbild George Tsypin
Kostüm Gabriel Berry
Besetzung Hyunah Yu, Norman Shankle, Alfred Walker, Russell Thomas, Terry Cook
Termine 21./23./25./27. Mai 2006

Inhalt

Sklavenliebe

Im Rahmen der Wiener Festwochen inszeniert Peter Sellars Mozarts unvollendet gebliebenes Singspiel »Zaide«. Gomaz ist in die Hände des Sultans Soliman gefallen und muss für diesen als Sklave schuften. Zaide verliebt sich in Gomaz und er sich in sie. Die beiden planen - unterstützt von Allazim - die Flucht. Doch ihr Plan scheitert, sie werden vor den Thron des Sultans geführt, der jede Bitte um Gnade zurückweist. Anstelle der fehlenden Ouvertüre erklingt zu Beginn der von Louis Langrée geleiteten Aufführung das Vorspiel zu Mozarts »Thamos, König in Ägypten« - einem in vielerlei Hinsicht ähnlichen Werk.

Besonderheit

Politisches Statement

Im Gegensatz zu seiner »Entführung aus dem Serail«, in der sich der zu Beginn als orientalischer Despot gerierende Bassa Selim letztlich doch erweichen lässt und seine Gefangenen frei gibt, ist Sultan Soliman eine solch aufgeklärt-humanistische Geste fremd. Durch die musikalische Charakterisierung seiner Protagonisten gelingt Mozart ein Einblick in das Seelenleben von in Sklaverei lebenden Menschen und schafft er ein tönendes Bekenntnis für die globale Einhaltung der Menschenrechte. Ein künstlerischer Anspruch, den Regisseur Peter Sellars durch seine Lesart noch unterstreichen möchte.

Kritikenspiegel

Kunst und Wirklichkeit

Gemischt fallen die Urteile zu Peter Sellars politischer Lesart der »Zaide« aus. Überraschend fand Ulrich Weinzierl (Die Welt) vor allem die Tatsche, dass dieser »Zaide weniger als Türkenoper denn als flammendes Bekenntnis gegen Sklaverei« lese. Diese besteche jedoch »durch ästhetische Geschlossenheit«. Ein Urteil, dass Ljubisa Tosic (Der Standard) nicht teilt. Sie hält die Inszenierung für »verschlungen« und »dürftig«, vermisst überzeugende »szenische Lösungen« und hat letztlich nicht mehr als eine »Sklavenliebesgeschichte auf dem Niveau einer Schülertheateraufführung« erlebt. Christine Lemke-Matwey (Die Zeit) räumt ein, dass Sellars, dafür, dass er »ganz nah dran ... und echter noch als echt« sein wolle, »jede Menge Sozialkitsch in Kauf« nehme. Letztlich aber wäre »Mozart ... nicht Mozart, wenn er uns all diese Bedenkenträgereien und ideologischen Betulichkeiten nicht auch radikal um die Ohren hauen würde ... Sellars weiß um die Erkenntniswirkung solcher Karambolagetechniken. Und rechnet damit. Man mag dies lauter finden oder fies: Es lohnt den Beginn.« Laut Frieder Reininghaus (DLF) führe diese Strategie jedoch zu keinem rechten Resultat, doch zumindest war »der Rettungsversuch für die unter Mozarts Händen gescheiterte 'Zaide' ... gut gemeint«. Mehr noch, wie Marianne Zelger-Vogt (NZZ) glaubt, wenn sie betont, dass Sellars sich »mit seiner missionarischen Botschaft Gehör« verschaffen und durchaus überzeugen könne. Auch Eleonore Büning (FAZ) fand die erteilte Lektion »ernstlich ergreifend« und Wolfgang Schreiber (SZ) sieht in der von Sellars »abseits aller Wolferl-Idyllen« vollzogenen »Verschärfung« des ansonsten eher schlichten Singspiels die »wohl ... radikalste ästhetische und politische Zuspitzung«, die dem Fragment je zuteil wurde und ein Bekenntnis dahingehend, dass »Kunst ... auf Wirklichkeit blicken« will und darf.

Biografisches

Peter Sellars

*1957 in Pittsburgh, USA, ist einer der wichtigsten amerikanischen Theater- und Opernregisseure. Während seines Studiums an der Harvard University entstanden die ersten Regiearbeiten. Nach Reisen nach Japan, China und Indien wurde er 1983 Leiter der Boston Shakespeare Company und 1984 Chef des American National Theater in Washington, D.C. In diese Zeit fällt auch sein Ruhm als Opernregisseur, der vornehmlich auf modernen Interpretationen verschiedener Mozart-Opern gründete. Seitdem ist Sellars regelmäßiger Gast unterschiedlicher großer Opernhäuser und wirkt als Regisseur bei allen großen Opernfestivals mit.

Ähnliche Werke

Etwa um 1780 arbeitete Mozart an der Vertonung eines Librettos von Johann Andreas Schachtner, einem Salzburger Freund der Familie. Unter dem Titel »Das Serail oder Die unvermutete Zusammenkunft in der Sklaverei zwischen Vater, Tochter und Sohn« widmete er sich einem der seiner Zeit ausgesprochen beliebten »Türkensujets«. In die Zeit seiner Kompositionsarbeit fiel Mozarts Umzug nach Wien, wo er das begonnene Singspiel vollenden und auch aufführen wollte. Es war wohl Gottlieb Stephanie, der Mozart darauf hinwies, dass das wenig heitere Bühnenwerk nicht nach dem Geschmack der Wiener sein werde. So blieb »Zaide« ein Fragment und Mozart wendete sich der Vertonung eines sehr viel aussichtsreicheren, demselben Milieu entstammenden Werkes zu. Erwartungsgemäß wurde »Die Entführung aus dem Serail« ein großer Erfolg. Die 15 vollendeten Nummern der »Zaide« blieben zu Lebzeiten Mozarts unaufgeführt, wurden 1799 von seiner Frau Konstanze im Nachlass entdeckt und erst 1880 in der Frankfurter Oper uraufgeführt.

sr