2. Juni 2006 Ausgabe 22/2006 zurück blättern | Kurzüberblick | Inhalt | weiter blättern
Kunst & Ausstellung

»Humanism in China - Ein fotografisches Porträt«

Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst zeigt dokumentarische Fotografien

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Museum für Moderne Kunst

Domstraße 10
10311 Frankfurt am Main

Kartentelefon
+49(0)69-21 23 04 47

Info

Titel Humanism in China
Künstler verschiedene
Kurator Hu Wugong
Läuft noch bis 27. August 2006
Öffnungszeiten Di 10 - 17 Uhr, Mi 10 - 20 Uhr, Do - So 10 - 17 Uhr, Mo geschlossen
Preise 6 Euro / 3 Euro ermäßigt
Preis Katalog 35 Euro

Inhalt

Alltag in China

Diese Ausstellung zeigt das Leben. Rund 600 Fotografien aus den letzten fünfzig Jahren dokumentieren chinesischen Alltag vor dem Hintergrund sozialer Umwälzungen und des Wirtschaftsbooms. Ungeschönt und ohne jegliche propagandistische Inhalte präsentieren die Bilder die Welt von 250 chinesischen Fotografen: Meist sieht man einfache Menschen vom Land, in traurigen wie in freudigen Momenten, in besonderen, vor allem aber in alltäglichen Augenblicken. Damit gibt die Schau Einblicke in eine Welt, die man so schonungslos und dokumentarisch noch nicht gesehen hat.

Besonderheit

Exportprodukt

Bereits vor drei Jahren zog die Schau in China durch die Museen der Städte Guandong (früher: Kanton), Shanghai und Peking. Zusammengestellt wurde die Ausstellung damals von drei chinesischen Fotografen, die aus einem Fundus von etwa 100.000 Negativen schöpfen konnten. Die Bilder der professionellen sowie Amateur-Fotografen waren dabei nicht als zukünftiger Export gedacht. Eher durch Zufall wurden deutsche Museumsdirektoren auf diese Fotoschau aufmerksam und setzten alles daran, sie nach Deutschland zu holen.

Kritikenspiegel

Sensationell und doch lückenhaft

Begeistert und beeindruckt zeigen sich die Kritiker von dieser Ausstellung. Doch trotz des großen dokumentarischen Wertes, den diese 600 Fotografien besitzen, gibt es noch immer thematische Lücken, die von den Rezensenten bemängelt werden. Als eine »politische Sensation« bezeichnet Uwe Wittstock (Die Welt) diese Schau und schreibt: »Ein tristeres, ein kritischeres Porträt des Landes hätten selbst eingeschworene Gegner des Regimes kaum zeichnen können. … Ein härterer Kontrast zu dem in jüngster Zeit so gern und farbenreich ausgemalten Bild der kommenden Wirtschaftsgroßmacht China, die auf eine märchenhaft erfolgreiche Zukunft zusteuert, ist schwerlich denkbar.« Auf die Einzigartigkeit der Schau weist Tilman Spengler (Die Zeit) hin: »Nirgendwo, in keiner anderen zeitgenössischen Ausstellung, wird ein interessiertes Publikum dem gegenwärtigen China, dem Leben eines nach Milliarden gezählten Volkes je näher kommen.« Andreas Platthaus (FAZ) »kommt aus dem Schauen nicht mehr heraus und auch nicht aus dem Staunen«, denn »der souveräne Blick der … Fotografen, ihre Sicherheit in der Bildfindung, ihre universal gültige Ästhetik - das alles darf als Sensation gelten.« Und doch, so findet Uwe Wittstock (Die Welt), hat diese Ausstellung »eine deutliche historische Leerstelle«; er bemängelt, dass »fast keine Bilder aus der Zeit der Kulturrevolution« gezeigt werden. In diese Kritik stimmt auch Mirja Rosenau (FR) mit ein und beanstandet das Fehlen der Themen wie Aidsdörfer oder Hinrichtungen: »Gezeigt wird vieles, auch angedeutet - mindestens ebenso mächtig wie die Masse der 600 Bilder aber sind die Leerstellen und das Schweigen, das die gewaltigen Lücken füllt.«

Hintergrund

Neues Selbstbild

Diese Schau präsentiert nicht nur das Alltagsleben vieler Chinesen, sie zeigt auch eine neue Offenheit gegenüber der eigenen Vergangenheit und deren Darstellung. Rudolf Schmitz (DLF) zitiert dazu den Direktor des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt am Main, Udo Kittelmann: »Ich denke, das ist das große Überraschungsmoment dieser Ausstellung, denn es ist ja ein Selbstbildnis Chinas, dass die Chinesen doch einen sehr selbstkritischen Blick auf ihre Gesellschaft mit dieser Ausstellung auch ins Ausland reisen lassen, und ihr China in dieser Form darstellen. Sie zeigen tatsächlich eine Gesellschaft, die vor Riesenherausforderungen steht.« Nur siebzehn Bilder wurden aus der ursprünglichen Ausstellung zensiert, ansonsten kann man genau das sehen, was auch in China schon gezeigt wurde. Andreas Platthaus (FAZ) nimmt an, dass Peking inzwischen weiß, »dass Offenheit bei der Debatte innenpolitischer Probleme im Westen gern gesehen wird« und deshalb die Ausstellung durch die Museen in Frankfurt a.M., Stuttgart, München, Berlin und Dresden reisen darf.

Ähnliches

Tilman Spengler (Die Zeit) sieht Parallelen zwischen den Bildern der Ausstellung »Humanism in China« und der Dokumentarfotografie von Walker Evans (1903-1975). Dieser zog in den 1930er Jahren im Auftrag der Regierung durch die USA und dokumentierte das Leben der Landbevölkerung zur Zeit der Großen Depression. Es entstanden unter anderem eindringliche Einzel- und Familienporträts, die von dem Unterschied zwischen Ideal und Realität in den Vereinigten Staaten erzählen.

cd