2. Juni 2006 Ausgabe 22/2006 zurück blättern | Kurzüberblick | Inhalt | weiter blättern
Film

Paul Greengrass »Flug 93«

Erster Kinofilm über die Ereignisse im Flug United 93 am 11. September 2001

SUMMA-METER Artikel als PDF anzeigen
MEDIEN-ECHO Artikel als MP3 anhören
  UIP  
© UIP

 

Website

Website

Titel Flug 93
Regie Paul Greengrass
Drehbuch Paul Greengrass
Darsteller Lewis Alsamari, J.J. Johnson, Trish Gates, Polly Adams, Cheyenne Jackson
Land USA
Verleih UIP
FSK ab 12 Jahren
Länge 110 Minuten
Kinostart 01. Juni 2006

Inhalt

Das vierte Flugzeug

Die Entführer bereiten sich früh morgens auf ihre Mission vor. Denn an diesem Tag, dem 11. September 2001, entführen sie den Flug United 93. Es ist das Flugzeug, das sein Anschlagsziel, das Weiße Haus in Washington, nie erreichen wird, sondern in Pennsylvania auf freiem Feld abstürzt. Regisseur Paul Greengrass zeigt, wie es womöglich dazu kam: In Echtzeit erzählt er, wie die Passagiere, aufgeschreckt durch Meldungen über das zur selben Zeit einstürzende World Trade Center, versuchen, die Entführer zu überwältigen und sie davon abzubringen, ihre eigentliche Mission zu erfüllen.

Besonderheit

Plausible Wahrheit

In beinahe dokumentarischen Szenen lässt der britische Regisseur Paul Greengrass eine Chronologie der Ereignisse ablaufen. Da niemand wirklich weiß, was genau an Bord des Flugs 93 geschah, stützt Greengrass sich auf den Regierungsbericht zu den Ereignissen und versucht, wenn auch nicht die wahren Ereignisse, so doch zumindest eine mögliche, eine plausible Wahrheit darzustellen. Um Heroisierungen und typischen Hollywood-Pathos zu vermeiden, arbeitete er ausschließlich mit unbekannten (Laien-)Darstellern - z.B. mit den Fluglotsen, die am Unglückstag tatsächlich Dienst hatten.

Kritikenspiegel

Würdige Rekonstruktion der Ereignisse

Die Fülle der Rezensionen zu »Flug 93« ist groß und die Meinungen zum Film - von einigen Ausnahmen abgesehen - insgesamt sehr positiv. Fritz Göttler (SZ) jedoch hat »ein merkwürdiges Ineinander von Distanzierung und Annäherung« gesehen, das »immer wieder Leerlauf« erzeuge. Für Adriano Sack (WamS) erweist sich der Film im ersten Teil als »dramaturgisch ... zäh«, zugleich jedoch »inhaltlich hochinteressant ... Das letzte Drittel des Filmes aber ist ein richtiges Meisterstück. Das grausame, chaotische Handgemenge in der trudelnden und stürzenden Maschine zeigt keine Helden. Sondern in ihrer Verzweiflung entmenschte Opfer.« Vor allem bewundert Bert Rebhandl (Der Standard) - und mit ihm die meisten Rezensenten - Greengrass' Entscheidung für einen »kollektiven Ansatz« und gegen eine kinowirksame Heroisierung. So schreibt Thomas Kleine-Brockhoff (Die Zeit), Greengrass behandle seine Figuren »gleichberechtigt. Alle bleiben namen- und geschichtslos.« Er vermeide jede »Moralisierung« und übe zugleich »ätzende Kritik an Militär und Regierung«. Greengrass erwecke gerade in der Fiktionalisierung der Ereignisse deren Wirklichkeit, findet Verena Lueken (FAZ), und das »überaus kunstvoll«. In einem zweiten Beitrag lobt sie vor allem den Verzicht auf die gängige Propaganda-Version des »Heldenmuts« einiger Passagiere. Auch ihr Kollege Jordan Mejias (FAZ) schließt sich an. Der Film verwahre sich so gegen »jede politische oder patriotische Vereinnahmung ... Ihr Überlebensinstinkt, nicht ihre Liebe zum Vaterland, treibt die Passagiere zur Tat.« So werde »Flug 93« zum »politischen Phänomen« und »filmischen Mahnmal«. Hier »hat der englische Regisseur Paul Greengrass aus soviel ungewisser Gewißheit einen überwältigenden Film gemacht.«

Biografisches

Paul Greengrass

*13.08.1955 in Cheam, Großbritannien, machte sich als Regisseur und Drehbuchautor der fiktionalen Dokumentation »Bloody Sunday« (2002) ebenso einen Namen wie mit dem Actionfilm »Die Bourne Verschwörung« (2004). Schon als Schüler ein begeisterter Filmer, studierte er zunächst in Cambridge, dann an der Grenada Television School. Seine Karriere begann er als Journalist und Dokumentarfilmer für die erfolgreiche BBC-Serie »World in Action«. 1987 deckte er als Buchautor zusammen mit Peter Wright in »Spycatcher« eine Spionageaffäre des britischen Geheimdienstes auf. Gleich mit seinem ersten fiktionalen Film, »Resurrected« (1989), gewann Greengrass Aufmerksamkeit. Sein endgültiger Durchbruch gelang ihm schließlich mit »Bloody Sunday«, worin er sich mit den dramatischen Unruhen im Irland des Jahres 1972 auseinander setzt.

Ähnliche Werke

Fast fünf Jahre nach dem 11. September 2001 ist »Flug 93« - nach einigen amerikanischen Fernsehfilmen - der erste Kinofilm, der sich mit diesem Trauma der amerikanischen Welt beschäftigt. Und bald schon folgt ein weiterer: Regisseur Oliver Stone beschäftigt sich in »World Trade Center« (mit Nicolas Cage in der Hauptrolle) mit den Ereignissen am Unglücksort in New York, wo zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme rasten und diese zum Einstürzen brachten. Die Literatur hat die Hemmschwelle des 11. Septembers schon früher durchbrochen, z.B. mit »Windows on the World« (2003) von Frédéric Beigbeder oder »Extrem laut und unglaublich nah« (2005) von Jonathan Safran Foer. Die Musik reagierte noch schneller: Neil Young schrieb 2001 (veröffentlicht 2002) den Song »Let's Roll« über den Flug 93.

kq