13. Oktober 2006 Ausgabe 41/2006 zurück blättern | Kurzüberblick | Inhalt | weiter blättern
Oper

Bernd Alois Zimmermann »Die Soldaten«

Raumfüllende Oper in der Bochumer Jahrhunderthalle

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  C.+ H. Baus  
© C.+ H. Baus

 

Jahrhunderthalle

Gahlensche Str. 15
D-44793 Bochum

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+49(0)700 - 20023456

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Titel Die Soldaten
Komponist Bernd Alois Zimmermann
Musikalische Leitung Steven Sloane
Regie David Pountney
Bühnenbild Robert Innes Hopkins
Kostüm Marie-Jeanne Lecca
Besetzung Claudia Barainsky, Andreas Becker, Bernhard Berchtold, Robert Bork, Adrian Clarke, Helen Field, Kathryn Harries, Peter Hoare, Christoper Lemmings
Termine 05./07./09./11./13. Oktober 2006

Inhalt

Frauenschicksal

Auf der Basis von Jakob Michael Reinhold Lenz' Drama »Die Soldaten« schrieb Bernd Alois Zimmermann in den ausgehenden 1950er Jahren seine vieraktige gleichnamige Oper. Im Mittelpunkt des Librettos, das der Komponist selbst verfasst hat, steht das Schicksal der jungen Marie Wesener. Aus Liebe gerät sie in die Welt der Soldaten, wird betrogen und endet schließlich als Prostituierte. Die RuhrTriennale präsentiert das einstige Auftragswerk der Kölner Oper in einer Inszenierung von David Pountney; die musikalische Leitung liegt in den Händen von Steven Sloane am Pult der Bochumer Symphoniker.

Besonderheit

Weg von Aristoteles

Schon die Dramenvorlage von Jakob Michael Reinhold Lenz versuchte gegen Ende des 18. Jahrhunderts nachdrücklich, die seit Aristoteles für das Theater geltende Einheit von Ort, Zeit und Handlung zu überwinden. Ähnlich versucht Zimmermann, in seinem Werk die bekannten Dimensionen der Oper zu sprengen. Dabei kombiniert er unter anderem unterschiedlichste Musikstile, lässt mehrere Handlungen parallel auf der Bühne ablaufen und kreiert eine von ihm als »Kugelgestalt« bezeichnete Zeitstruktur, die zur Austauschbarkeit von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart führt.

Kritikenspiegel

Raumklang

Vor allem das Ambiente der Bochumer Jahrhunderthalle, in der die RuhrTriennale Zimmermanns »Soldaten« präsentiert, hat es den Kritikern angetan. So schreibt Holger Noltze (DLF): »Vielleicht zum ersten Mal scheint der monumental-industrielle Raum ganz genutzt.« Auch wenn manche Details » auf der Strecke« blieben, werde die Halle »zum totalen akustischen Theater«. Laut Guido Fischer (FR) habe Regisseur David Pountney »die gesamte Länge und Breite so weit ausgeschöpft, dass das Publikum im Wortsinne mitten ins Geschehen hineingezogen wird, während sich ständig die Perspektiven verändern ... Die Raum- und Zeitkoordinaten - hier sind sie aufwendig und doch kongenial ihrer vertrauten Gültigkeit beraubt.« Auch Manuel Brug (Die Welt) berichtet erfreut von einem »ganz großen Musiktheaterabend«: »David Pountney, als Bregenzer Festspielintendant erfahren im Umgang mit monströsen Bühnen, hat sich ... als Regisseur klug beschränkt, lässt die überwältigende Magie des Ortes, die Kraft und Gewalt, aber auch die Feinheit dieser Partitur sprechen. Fast konventionell linear schreitet seine mit wenigen Versatzstücken auskommende Inszenierung in ihrer zeitlichen Verortung voran, fast leichfüßig bespielt er die ineinander übergehenden, sich mal von vorn, mal von hinten aufrollenden Schauplätze, an denen der Zuschauer als staunender Voyeur vorüberfährt.« Auch Michael Struck-Schloen (SZ) empfand die »Raumkonstellation« als besonders reizvoll und benennt als »Ereignis des Abends ... Zimmermanns ... musikalische Vision eines Raumklangs, der jeden Einzelnen umhüllt und bedrängt, die im säkularen Kirchenschiff dieser Industriekathedrale der Gründerzeit ungeahnte Kraft entfaltete ... Für dieses Erlebnis lohnt sich am Ende der diesjährigen Saison der Ruhrtriennale doch noch einmal die Reise in den Kohlenpott.«

Biografisches

Bernd Alois Zimmermann

1918-1970, war einer der wichtigsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Schon in seiner Jugend machte er erste Erfahrungen mit der Musik. Ab 1937 studierte er zunächst Pädagogik in Bonn, ab 1938 schließlich Schulmusik, Musikwissenschaft und Komposition in Köln. Nach dem Krieg war er schnell als frei schaffender Komponist tätig und wurde 1957 Kompositionsprofessor in Köln. Trotz einiger Erfolge blieb ihm die große Anerkennung aufgrund seiner Distanz zu den führenden avantgardistischen Komponisten der Darmstädter Schule - unter ihnen Pierre Boulez und Luigi Nono - und seiner traditionalistischen Haltung versagt. 1970 nahm er sich das Leben.

Ähnliche Werke

Als Bernd Alois Zimmermann 1960 die Partitur seiner »Soldaten« dem Kölner Operndirektor als Auftraggeber der Komposition vorlegte, hielt dieser die Oper zunächst für »unspielbar«. Es dauerte fünf weitere Jahre, bis man sich in der Lage sah, die gewaltigen szenischen und musikalischen Anforderungen der Komposition, die noch heute für jedes Opernhaus einen besonderen Kraftakt darstellen, zu stemmen und das Werk zur Uraufführung zu bringen. Diese sollte ein Meilenstein für das moderne Musiktheater werden. »Die Soldaten« entwickelten sich zu einer der meist gespielten zeitgenössischen Opern überhaupt. Ganz ähnlich erging es gut einhundert Jahren zuvor einem ähnlich einschneidenden Werk der Musiktheatergeschichte. Richard Wagners »Tristan und Isolde« wurde zu Begin der 1860er Jahre nach 77 Proben von der Wiener Oper als »unaufführbar« zurückgewiesen, und es sollten noch einige Jahre vergehen bis die Oper schließlich 1865 in München ihre Uraufführung erlebte.

sr