13. Oktober 2006 Ausgabe 41/2006 zurück blättern | Kurzüberblick | Inhalt | weiter blättern
Literatur

Benjamin Kunkel »Unentschlossen«

Die in den USA gefeierte Selbstfindung eines unentschlossenen Philosophen

SUMMA-METER Artikel als PDF anzeigen
MEDIEN-ECHO Artikel als MP3 anhören
  Bloomsbury Berlin  
© Bloomsbury Berlin

 

Titel Unentschlossen
Autor Benjamin Kunkel
Übersetzerin Stefanie Röder
Genre Roman
Verlag Bloomsbury
Seiten 320 Seiten
ISBN 3-827-00680-5
Preis 19,90 Euro

Inhalt

Ersatz für Unsterblichkeit

Die Weisheit seines Lieblingsphilosophen Otto Knittel, dass das Hinauszögern der Ersatz für Unsterblichkeit sei, leitet den 28-jährigen Dwight Wilmerding durch sein Leben. Denn Dwight ist krankhaft unentschlossen, jede Wahl zwischen diesem oder jenem überlässt er letzten Endes dem Zufall. Er selbst kann sich nicht entscheiden. Nie. Doch dann rät sein Mitbewohner Dan ihm dazu, Abulinix zu testen, ein neues Medikament gegen Unentschlossenheit. Während Dwight auf die einsetzende Wirkung wartet, fährt er nach Ecuador, wo er nicht nur seine politische Erweckung erlebt.

Besonderheit

Denken statt handeln

Vor allem im ersten Teil von »Unentschlossen«, während der gescheiterte Akademiker Dwight in New York über seine Entscheidungsunfähigkeit sinniert, spielt die Handlung nur eine Nebenrolle im Roman. Im zweiten Teil bekommt sie mit Dwights Reise nach Ecuador zwar einen neuen Anstoß, doch nach wie vor geht in erster Linie um Gedanken und Philosophien. Die Theorien des fiktiven Lieblingsphilosophen Otto Knittel sind größtenteils an die von Heidegger oder Wittgenstein angelehnt. Und während Dwight diese Weisheiten ungefragt von sich gibt, wird das Denken zum eigentlichen Thema des Romans.

Kritikenspiegel

Ambition und Klischee

Während Benjamin Kunkels Romandebüt »Unentschlossen« in den USA von den Kritikern einmütig gefeiert wird, sind die Reaktionen der deutschsprachigen Rezensenten eher zwiespältig. Marion Lühe (taz) sieht Kunkel eine »Konstruktionsschwäche ebenso wie das aufgesetzte Ende« noch gern nach, sei der Roman doch »auf intelligente Weise unterhaltsam, ohne intellektuelle Geröllmassen vor sich herzuschieben«. Jens-Christian Rabe (SZ) findet den Text zwar »in seiner schrägen Lakonik ... sehr vergnüglich zu lesen, klug, auch elegant selbstironisch«, wird jedoch »den Verdacht nicht los, dass die Fallhöhe nicht stimmt. So durch und durch harmlos wie der Held bleibt auch das Buch«. Im Gegensatz zu den meisten Rezensenten sieht Georg Diez (Die Zeit) in »Unentschlossen« statt eines Bildungs- oder Entwicklungsromans vor allem einen »cleveren Thesenroman«, der allerdings zugleich an diesem Genre kranke. Er erweise sich als »etwas langatmig« und trotz aller Sympathie auch verspannt. Zu einem sehr entschlossenen Urteil kommt Marco Stahlhut (WamS), der »Unentschlossen« nicht mehr als »die psychologische Tiefe eines Che-Guevara-T-Shirts« bescheinigt. Im zweiten Teil ließe Kunkel, der hier gründlich gescheitert sei, seine Figuren »Dialoge führen, für dessen Humorniveau sich Sechzehnjährige schämen dürften«. Wiederum kritisch, wenn auch weniger eindeutig äußert sich Felicitas von Lovenberg (FAZ), die dem Roman immerhin einen guten Anfang bescheinigt: »Dwights ironisch-skeptisches Selbstporträt ... versprüht Tempo, Witz und eine charmante, doch keineswegs unbedarfte Sorglosigkeit.« Doch dann werde die Geschichte »unbeholfen und konfus«. Die »mit Versatzstücken und Klischees spielende Sprache« könne nicht mehr überzeugen, wirke »lediglich albern«. Übrig bleibe die »matte Persiflage eines Bildungsromans«.

Biografisches

Benjamin Kunkel

*1973 in Eagle, USA, gilt in seiner Heimat als neuer Star der intellektuellen Literaturszene. Er wuchs in Colorado auf, besuchte ein Internat in New Hampshire und für zwei Jahre das exklusive Deep Springs College in der kalifornischen Wüste, wo ein Ethos des Einklangs von körperlicher und geistiger Arbeit gepflegt wird. Sein Studium absolvierte Kunkel in Harvard und an der Columbia University. Als Journalist schreibt er für The Nation, Dissident und The New York Review of Books. Um auch selbst die Themen bestimmen zu können, gründete er 2004 mit drei Kollegen n+1, ein halbjährlich erscheinendes Magazin für Literatur, Politik und Kultur. Für sein erstes Buch hatte sich Kunkel 2001 nach Colorado zurückgezogen. Das Ergebnis, »Unentschlossen«, wurde in den USA mit seinem Erscheinen im Herbst 2005 umgehend zum Kultroman stilisiert.

Ähnliche Werke

In einer der ersten amerikanischen Rezensionen zu »Unentschlossen« wird das Buch auf eine Stufe mit dem klassischen Coming-of-age-Roman »Der Fänger im Roggen« (1951) von J.D. Salinger gestellt. Diese Euphorie wird jedoch nicht überall geteilt. Wie Georg Diez (Die Zeit) ziehen auch andere Rezensenten eher Vergleiche zu jungen, aktuellen Autoren wie Jonathan Safran Foer oder Marisha Pessl. Foer wurde durch seinen Roman »Alles ist erleuchtet« (2002) schlagartig bekannt, es folgte »Extrem laut und unglaublich nah« (2005). Pessls Romandebüt »Special Topics in Calamity Physics« ist gerade erst in den USA erschienen und ist laut Georg Diez (Die Zeit) »so ambitioniert und anspielungsreich und pointensicher ... und so gut geschrieben, dass man fast vergisst, dass es sich am Ende doch nur um einen Collegeroman handelt«.

kq