16. Dezember 2005 Ausgabe 50/2005 zurück blättern | Kurzüberblick | Inhalt | weiter blättern
Tanz

Graeme Murphy »Die silberne Rose«

Neues Handlungsballett in München

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  Andreas Praefke  
© Andreas Praefke

 

Bayerisches Staatsballett - Nationaltheater

Max-Joseph-Platz 2
80539 München

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Titel Die silberne Rose
Choreografie Graeme Murphy (nach »Der Rosenkavalier« von Hugo von Hofmannsthal)
Komponist Carl Vine
Musik Myron Romanul
Bühnenbild Roger Kirk
Kostüm Roger Kirk
Tänzer Sherelle Charge, Lucia Lacarra, Luka Slavický, Cyrill Pierre
Termine 10./11./15./18./26./29. Dezember 2005, 23. April 2006

Inhalt

Angst vor dem Altern

Graeme Murphy lehnt sein Tanzstück an das Libretto des »Rosenkavaliers« an und verlegt die Handlung in die Entstehungszeit der Oper von Richard Strauss. Im Jugendstilbühnenbild liebt die »Marschallin«, die bei Murphy nur noch so heißt und eigentlich eine berühmte Schauspielerin ist, den jugendlichen Octavian. Doch die alternde Frau muss feststellen, wie die Reize, die den Geliebten an sie fesselten, zu schwinden beginnen und er sich schließlich der jüngeren Sophie zuwendet. Viel Beachtung finden bei Murphy die komödiantischen Verwechslungsszenen des »Rosenkavaliers«.

Besonderheit

Resolute Erben

Weil die Strauss-Erben peinlich darauf achten, dass »Der Rosenkavalier« nur als Operninszenierung aufgeführt wird, musste auf eine andere Partitur ausgewichen werden. Der Komponist und Landsmann Graeme Murphys, Carl Vine, mit dem der Choreograf auf eine langjährige Zusammenarbeit zurückblickt, fügte für »Die silberne Rose« Partien eigener Sinfonien und Klavierkonzerte zusammen. Die so entstandene Collage aus Carl Vines Werken stieß im Feuilleton jedoch auf wenig Gefallen.

Kritikenspiegel

Keine Große Kunst

Während die Tänzer des Bayerischen Staatsballetts in den Feuilletons durchweg gelobt werden, prognostiziert die Kritik dem Ballett keine rosige Zukunft und auch die Leistung von Graeme Murphy wird kritisch beäugt. Eva-Elisabeth Fischer (SZ)  wundert sich, dass ausgerechnet ein »Australier der erste ist, der den 'Rosenkavalier'-Stoff choreographiert«. Sie vermutet bei Graeme Murphy »wie bei allen Leuten, die sich völlig angstfrei in ein Risiko stürzen ... neben Bedenken- auch eine gewisse Gedankenlosigkeit«. »Wäre Murphy ein großer Künstler, hätte er abstrahiert und sublimiert, was im 'Rosenkavalier' steckt, statt die bloße Oberfläche nachzubilden«. Malve Gradinger (Die Welt) sieht die »aus alten Werken zusammengestückelte« Partitur als »arg spätromantisch schäumend«. Trotz einer professionellen Erzählweise wären »mehr Zwischentöne ... möglich gewesen. Murphy ist bei der Zeichnung von Typen stehengeblieben, stellt kein gesellschaftliches Umfeld her«. »Insgesamt«, urteilt die Kritikerin, biete sein neues Ballett »zu wenig, um Text und Gesang der Oper aufzuwiegen.« Auch Wiebke Hüster (DLF) stellt sich die Fragen: »Wird der Tanz imstande sein, Gesang und Sprache adäquat zu ersetzen? Weiß die Choreographie etwas zur Interpretation des Sujets hinzuzufügen, das anders nicht ausgedrückt werden könnte?« »Zu Beginn sieht es«, in den Augen Wiebke Hüsters, »ganz danach aus«. Schon recht bald aber wird deutlich, dass die Choreografie »nur da flüssig [wirkt], wo es sich um heitere und divertissementhafte Passagen handelt.« Die Leistungen der Tänzer lobt nicht allein Martina Wohlthat (NZZ) als »erstklassig«. Doch dies täusche allerdings nicht wirklich darüber hinweg, dass es der Choreografie, in der sich »Schritte und Drehungen monoton aneinander reihen ..., an Stringenz fehlt.«

Biografisches

Graeme Murphy

*1951 in Melbourne, begann seine Tänzerlaufbahn beim Australian Ballet. 1971 ging er nach New York und Europa und wurde nach seiner Rückkehr Künstlerischer Direktor der Sydney Dance Company. Seitdem hat er dreißig abendfüllende Choreografien geschaffen. »Poppy« war im Jahre 1978 Murphys choreografischer Durchbruch und legte gleichzeitig den Grundstein für eine intensive Zusammenarbeit mit dem Komponisten Carl Vine. Neben seiner Arbeit mit der Sydney Dance Company ist Murphy auch für das Australian Ballet als Choreograf tätig und schuf für diese Compagnie 2002 eine mehrfach preisgekrönte Neufassung von »Schwanensee». Außerdem choreografierte er für das Nederlands Dans Theater, das Royal New Zealand Ballet, sowie ein Solo für Michail Baryschnikows White Oak Dance Project.

Bezugspunkte

1911 schrieb Hugo von Hofmannsthal seinen »Rosenkavalier«, den Richard Strauss zur Textgrundlage seiner gleichnamigen Oper machte. Im Wien des 18. Jahrhunderts betraut die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg ihren eigenen deutlich jüngeren Liebhaber Octavian mit der Aufgabe, für Baron Ochs um Sophie, die Tochter einer neureichen Familie, zu werben. Er überbringt ihr eine silberne Rose, verliebt sich dabei aber selbst in die hübsche Sophie. Als der Marschallin das bewusst wird, ergibt sie sich schließlich ihrem Schicksal, verzichtet auf Octavian und führt die jungen Leute zusammen. In seiner »Komödie für Musik in drei Aufzügen« charakterisiert Hofmannsthal die Figuren durch ihre Sprache, die Rückschlüsse auf ihre Psychologie und ihren sozialen Hintergrund zulässt.

af