29. Juli 2005 Ausgabe 30/2005 zurück blättern | Kurzüberblick | Inhalt | weiter blättern
Theater

Ödön von Horváth »Geschichten aus dem Wiener Wald«

Barbara Frey inszeniert bei den Salzburger Festspielen

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  Matthias Horn  
© Matthias Horn

 

Titel Geschichten aus dem Wiener Wald
Autor Ödön von Horváth
Inszenierung Barbara Frey
Bühnenbild Bettina Meyer
Kostüm Bettina Walter
Darsteller Lambert Hamel, Juliane Köhler, Thomas Loibl, Sunnyi Melles, Michael von Au
Termine 27. bis 31. Juli, 02. bis 05. August 2005
Kartentelefon 0043- 662-8045-500
Kartenreservierung für 2006 ab Januar schriftlich im Kartenbüro der Salzburger Festspiele

Inhalt

Die Welt, wie sie leider ist

»Geschichten aus dem Wiener Wald« erzählt mit beißendem Sarkasmus vom Schicksal einer jungen und naiven Frau. Die romantische Marianne verliebt sich Hals über Kopf in Alfred und trennt sich gegen den Willen ihres Vaters von ihrem Verlobten Oskar. Alfred will sich aber auf nichts Ernstes mit ihr einlassen und Mariannes romantische Liebe scheitert. Der ausweglose Leidensweg der jungen Frau entlarvt eine Gesellschaft, die den Ausbruchsversuch Mariannes nicht toleriert. Der Zwang der Verhältnisse führt Marianne schließlich zurück zu Oskar.

Besonderheit

Reales Theater

Barbara Frey, die mit Horváths »Geschichten aus dem Wiener Wald« ihr Debüt bei den Salzburger Festspielen gibt, setzt mit ihrer Inszenierung auf die nackte Wahrheit des Textes. Dabei benutzt sie als Grundlage die Erstfassung des Stücks. In ihrer Inszenierung trennt sie das Stück vom kitschigen Kleinbürgertum der Volkstheaterwelt, entfernt den Wiener Wald von Wien. Das Bühnenbild ist weitgehend ortlos, reduziert. Damit soll das Anti-Volksstück, als das Horváth es verfasste, unter neuen Vorzeichen wieder zu einem solchen werden.

Kritikenspiegel

Ungewöhnliche Inszenierung

Barbara Frey beschreitet ihren eigenen Weg auf Horváth zu – darin sind sich die Rezensenten weitgehend einig. Die Beurteilung des Ergebnisses fällt dabei jedoch sehr kontrovers aus. Am besten und eindeutigsten schneidet Freys Inszenierung noch bei Gerhard Stadelmaier (FAZ) ab. Denn Frey erzähle »Geschichten aus dem Dschungel, in dem bestialische Menschen weniger Bestien als Menschen sind« und die »sarkastische Texttreue führt zu einer der intelligentesten Wider-den-Strich-Bürstereien seit Spielzeiten«. Ulrich Weinzierl (Die Welt) lobt die »durchaus spannende Inszenierung«, die »jemanden in den Mittelpunkt rückt, der sonst eher am Rande steht«, nämlich die Figur der Valerie, überragend »verkörpert und beseelt« von Sunnyi Melles. Auch Peter Michalzik (FR) zieht den Hut vor ihrer Leistung, während er die Inszenierung insgesamt als »harmlos und gefällig« beurteilt. Ähnlich hat Sven Ricklefs (Deutschlandfunk) die Premiere des Schauspiels »mit gemischten Gefühlen« gesehen, die »dennoch eine Qualitätsvorlage« für die weiteren Salzburger Stücke geliefert habe. Ganz anders hingegen fällt das Urteil von Ronald Pohl (Der Standard) aus: »Weil sich in einer stockenden Flut müder Zooms und weher ricks der ganze, gute Horváth auf Nimmerwiedersehen verkrümelt, bleibt nicht viel übrig.« Und auch Barbara Villiger Heilig (NZZ) lässt nichts Gutes an der Inszenierung, denn »die Freakshow von durchgeknallten Typen erdrückt individuell gezeichnete Charaktere«. Barbara Frey »inszeniert drauflos – mit Gefühl, was das Schauspielerische betrifft, aber ohne wirklichen Plan.« Die Schauspieler selbst aber, darunter Juliane Köhler, Lambert Hamel und wieder Sunnyi Melles, vermochten auch sie zu überzeugen.

Biografisches

Barbara Frey

*1963 in Basel, ist Regisseurin und Lehrbeauftragte an der Berliner Hochschule der Künste. Sie studierte Germanistik und Philosophie und begann 1988 als Regieassistentin und Theatermusikerin am Theater Basel unter der Intendanz von Frank Baumbauer. 1992 brachte sie dort ihre erste eigene Regiearbeit auf die Bühne. Anschließend war sie an verschiedenen deutschsprachigen Theatern tätig, u.a. in Hamburg, Mannheim und Zürich. Anfangs verstand sich Frey vor allem als »Regieautorin«. Sie entwickelte Stücke aus thematisch gebundenen Materialsammlungen. Inzwischen widmet sie sich aber auch Klassikern, insbesondere denen des 20. Jahrhunderts. Seit 2002 arbeitet Frey bei Dieter Dorn am Bayerischen Staatsschauspiel, ist aber auch weiterhin für andere Bühnen tätig.

Ähnliche Werke

Die Inszenierung von Barbara Frey wird zur kommenden Spielzeit in das Residenz-Theater in München übernommen, das wie alle diesjährigen Aufführungen in Salzburg unter dem Motto »Wir, die Barbaren – Nachrichten aus der Zivilisation« läuft. Stücke des Volkstheaters mit ähnlicher Grundstruktur, dem Ziel der Desillusionierung des Bewusstseins und des Kleinbürgertums sind hingegen bei Horváth selbst zu finden. Die Geschichte der jungen Frau, die gefangen ist in der ausweglosen Enge der Verhältnisse, findet sich ebenso in »Kasimir und Karoline« (1932) oder »Glaube Liebe Hoffnung« (1936). Vergleichbar gesellschaftskritische Themen um das Schicksal der Menschen erarbeiten zudem die Volksstücke von Arthur Schnitzler wie beispielsweise »Liebelei« (1895) oder »Der einsame Weg« (1903).

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