29. Juli 2005 Ausgabe 30/2005 zurück blättern | Kurzüberblick | Inhalt | weiter blättern
Oper

Richard Wagner »Tristan und Isolde«

Christoph Marthalers Inszenierung zur Eröffnung der 94. Bayreuther Festspiele

SUMMA-METER Artikel als PDF anzeigen
MEDIEN-ECHO Artikel als MP3 anhören
  Jere Kibler  
© Jere Kibler

 

Bayreuther Festspiele

Kartentelefon
0921 - 78 78 - 0 (Informationen zu authorisierten Vorverkaufsstellen)
Kartenreservierung für 2006 ab September schriftlich im Kartenbüro der Bayreuther Festspiele

Titel Tristan und Isolde
Komponist Richard Wagner
Musikalische Leitung Eiji Oue
Inszenierung Christoph Marthaler
Bühnenbild Anna Viebrock
Kostüm Anna Viebrock
Solisten Robert Dean Smith, Kwangchul Youn, Nina Stemme
Termine 31. Juli, 12./18./26. August 2005
Preise 26 bis 192,50 Euro

Inhalt

Tragische Liebe

Die irische Königstochter Isolde möchte sich mit einem Todestrank an Tristan, dem Mörder ihres Verlobten, rächen. Der Trank wird jedoch durch ein Liebeselixier ausgetauscht, so dass sich Tristan und Isolde ineinander verlieben. Eigentlich soll Isolde aber Tristans Herren, König Marke von Kornwall, heiraten. Das heimliche Paar wird erwischt, es kommt zum Kampf und Tristan wird tödlich verwundet. Er stirbt in den Armen seiner Geliebten, die zu spät kommt, um ihn zu retten. Isoldes Sehnen erfüllt sich aber schließlich durch die Vereinigung beider im Tod.

Besonderheit

Bruch mit Traditionen

In der mit »Handlung« überschriebenen Oper von Richard Wagner liegt der Schwerpunkt darauf, die durch Sprache dargestellten Empfindungen im musikalischen Ausdruck zu steigern. Wegen ihrer Dur-Moll-auflösenden, chromatischen Harmonik gilt »Tristan und Isolde« als Wegweiser zur atonalen Musik. Den Mythos der tragischen Liebe zeigen Marthaler und seine Bühnenbildnerin Anna Viebrock realistisch in abgerissenem Milieu mit DDR-Tapete. So will das Team mit der Tradition abstrakter »Tristan«-Inszenierungen brechen.

Kritikenspiegel

Überwiegend durchgefallen

Die Reaktionen der Feuilletonisten zur 10. »Tristan«-Neuinszenierung in der Festspiel-Geschichte sind nüchtern bis ablehnend. Insbesondere werden das Regieteam und der Dirigent ins Visier genommen. So sei laut Manuel Brug (Die Welt) das Debüt des Japaners Eiji Oue in Bayreuth ein kompletter Reinfall. Die Schwedin Nina Stemme hingegen empfindet er als »ideale Isolde, intensiv, glückhaft, natürlich, souverän«. Auch Gerhard Rohde (FAZ) findet keine positiveren Worte für den Dirigenten: »Bei Oue überbrüllt das Orchester entweder die Stimmen, oder der Orchesterklang wird zur Geräuschkulisse herabgesäuselt.« Marthalers Leistung im »trostlosen Raum« (Reinhard J. Brembeck, SZ) von Anna Viebrock ist laut Hans-Klaus Jungheinrich (FR) eine »Enttäuschung der unspektakulären Art«. Man müsse die Regie insgesamt als misslungen bezeichnen, so der Kritiker weiter. Dabei hebt er den »ausgenüchterten Zustand« des romantischen Werkes hervor und die Landung der Regie im Anekdotischen. Reinhard J. Brembeck (SZ) befindet die Haltung Marthalers gegenüber dem Stück als »provokant intellektuell wie hoch musikalisch«, kommt aber zu dem Fazit, dass das radikal konsequente Theaterkonzept an einer unzureichenden musikalischen Ausführung gescheitert sei. Als größtes Manko benennt er die Textunverständlichkeit der Sänger. Allein  Peter Hagmann (NZZ) schreibt recht wohlwollend über die Klänge aus dem Graben: »Selten ist in einer Interpretation so deutlich zu hören, wie sehr Singstimmen und Instrumentalsatz in dieser Partitur miteinander verwoben sind.»  Marthaler sieht er jedoch nicht als geeigneten Musiktheaterregisseur, da er immer, wenn er sich diesem Genre zuwende, an Biss verliere.

Biografisches

Christoph Marthaler

 *1951 in Erlenbach/Schweiz, gilt als Regisseur mit Neigung zur Provokation. Der studierte Musiker arbeitete ab 1988 am Theater Basel, wo die anhaltende Zusammenarbeit mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock begann. In Deutschland wurde man auf Marthaler aufmerksam, als er 1993 als Gastregisseur an der Berliner Volksbühne den patriotischen Abend »Murx den Europäer« inszenierte und am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg mehrere Stücke auf die Bühne brachte. Im Jahr 2000 wurde Marthaler Intendant des Schauspielhauses Zürich. Er verärgerte mit seinem radikalen Gegenwartstheater zahlreiche Abonnenten und  trat 2004 von seinem Posten zurück. Seit den 1990er Jahren arbeitet Marthaler vermehrt als Opernregisseur; »Tristan und Isolde« ist seine erste Wagner-Inszenierung.

Ähnliche Werke

1850 war Wagners romantische Oper »Lohengrin« uraufgeführt worden, und seit 1853 arbeitete er am »Ring des Nibelungen«. Wagner unterbrach die »Siegfried«-Komposition, um sich dem »Tristan«-Stoff zu widmen, den er in Robert Schumanns Entwurf zu einer solchen Oper gesehen hatte. 1857 bis 1859 entstand das Schlüsselwerk der Spätromantik mit dem wohl bekanntesten Paar der Musikgeschichte. In der Literatur rezipiert wurde die Musik etwa in Theodor Fontanes Roman »L'Adultera« oder in Thomas Manns Novelle »Tristan«. Thematisch ähnlich ist Debussys Oper »Pelléas et Mélisande« nach einer Dichtung von Maurice Maeterlinck mit seiner somnambulen Atmosphäre, der verbotenen Liebe des heimlichen Paares und dem tragischen Tod beider Protagonisten.

csp