29. Juli 2005 Ausgabe 30/2005 zurück blättern | Kurzüberblick | Inhalt | weiter blättern
Film

Gérard Jugnot »Boudu«

Gérard Depardieu im Remake des Renoir-Klassikers

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Titel Boudu
Regie Gérard Jugnot
Drehbuch Philippe Lopes Curval
Darsteller Gérard Depardieu, Cathérine Frot, Gérard Jugnot
Land Frankreich
Verleih Concorde Film Verleih
FSK ab 6 Jahren
Länge 104 Minuten
Filmstart 28. Juli 2005

Inhalt

Unverhoffter Lebenswandel

In der französischen Provinzstadt Aix en Provence fristet Christian sein Leben als bankrotter Galerist und Ehemann  und versucht sich mit bescheidenem Erfolg als Verführer seiner jungen Assistentin Coralie. Als er einen schmuddeligen Obdachlosen vorm Selbstmord bewahrt und ihm – zunächst unverbindlich – Unterschlupf gewährt, bringt das sein Leben mächtig durcheinander. Der ungebetene Gast schummelt, drängt und schleicht sich in den frustrierten Alltag von Christian und seiner Frau Isolde. Er nistet sich in ihrem Leben ein und rettet es dadurch vor ruinöser Gleichförmigkeit.

Besonderheit

Blühender Depardieu

Die Rolle des ungehobelten Boudu, der frisst, säuft und rülpst und von einer Sekunde auf die andere zum Charmeur wird, um Christians depressive Ehefrau zu verführen, scheint Depardieu wie auf den voluminösen Leib geschneidert. Immer wieder hat er monströse Männer gespielt, die unbeholfen und schwerfällig angepoltert kommen, um alsbald einen entwaffnenden Charme zu entwickeln, dem  Frauen widerstandslos verfallen. Der 1948 geborene Franzose ist u.a. Darsteller des Obelix in den Verfilmungen der Asterix-Comics.

Kritikenspiegel

Allgemeines Desinteresse

Die Resonanz in der deutschsprachigen Presse fällt nicht gerade üppig aus und beschäftigt sich auch kaum ernsthaft mit Jugnots Film. Anke Leweke (taz) bezeichnet «Boudu»  als eine «alberne Komödie« und die ihr zugrundeliegende Idee eines freudlosen Haushalts, der durch einen Penner wieder auf Vordermann gebracht wird, als «nicht gerade die originellste«. Hanns-Georg Rodek (Die Welt) bezieht sich  auf das Original von Jean Renoir und verurteilt «eigene Erfolge zu kannibalisieren« als US-Unsitte. «Die meisten Pointen« hält er zumindest für «gutmütig«. Katja Nicodemus (Die Zeit) rügt das Drehbuch, durch das Depardieu sich «kracht, bumst und lacht«, als «unvorstellbar flach«. Sie urteilt scharf, es mache die «platte Provinzposse keinen Deut besser«, dass der Schauspieler «so fett und so schwabbelig, so vulgär, versoffen und verschwitzt« sei wie nie zuvor. Auf Depardieus Clochard und seine Physis geht auch die restliche Kritik ein. Anke Leweke (taz) vermisst die «Natürlichkeit« mit der er seine «Pfunde einst behände durch die Gegend manövrierte«. Sein «riesiger runder Bauch« stehe in «Boudu« für nichts, sei «kein Zeichen der Freude, der Sinnlichkeit oder auch nur des Exzesses« mehr. Hanns-Georg Rodek (Die Welt) hält die Besetzung Depardieus für eine «kluge Entscheidung, weil es im heutigen Kino kaum einen so hemmungslos exhibitionistischen Schauspieler« gebe wie ihn. Anke Sterneborg (SZ) lobt Cathérine Frots Isolde als «herrlich neurotisch kapriziös«. Obwohl «eher dem derben Humor verpflichtet«, mache der Film «dank seiner guten Darsteller...dennoch Spaß« urteilt der Rheinische Merkur, und auch Der Spiegel lobt verhalten, «Boudu« feiere mit einem nach Lust und Laune chargierenden Depardieu zwischen Fressgelagen und Bettlaken «alles, was Spaß macht«.

Biografisches

Gérard Jugnot

*4.5.1951 in Paris, gründete nach dem Abitur »La Troupe Comique du Splendid«, die auf Café-Theater-Bühnen auftrat. Nach einer Weile häuften sich für die Mitglieder der Truppe auch Kino-Angebote. Jugnot hatte seine erste Rolle 1974 in Bertrand Bliers »Les valseuses«. Darauf folgten 1976 Roman Polanskis »Le locataire« und im gleichen Jahr »Le juge et l'assassin« von Bertrand Tavernier. Jugnot hat im Verlauf seiner Karriere in über 70 Filmen mitgespielt, Drehbücher verfasst und sich dabei nach und nach von seinem Image als purer Komiker entfernt. In »Pinot simple flic« führte er 1984 erstmalig Regie und inszenierte mit sicherem Gespür für Alltagsgeschichten und ihre komisch-dramatischen Seiten seither noch acht weitere Filme.

Bezugspunkte/Vorbilder

Jean Renoir (1894-1979) ging mit Werken  wie «La grande illusion«(1937) und «La règle du jeu« (1939) in die Geschichte des Films ein. «Boudu sauvé des eaux« nach dem Theaterstoff von René Fauchois drehte er 1932 mit Michel Simon als einem eher aggressiven Obdachlosen. Im Original wird Boudu allerdings von einem Buchhändler aus der Seine gefischt. Dessen bürgerliches Leben lernt der Lebensmüde aber auch in dieser Fassung sehr bald schätzen. Ein Remake des Stoffs brachte schon 1987 Paul Mazursky in Amerika auf die Leinwand. Für «Down and Out in Beverly Hills« wurde aus der Seine der Pool eines Millionärs, die Rolle des Boudu besetzte Mazursky mit Nick Nolte. Jugnot bedient sich zur Umsetzung  vor allem der derben Mittel des Boulevardstücks; seinen Film bewegt ein beschwingtes Wirbeln und Werkeln. 

af